Tournai — Belgiens älteste Stadt, eine seiner unterschätztesten
Tournai besitzt Belgiens bedeutendste romanische Kathedrale – und kaum Touristen. Warum sich die 85 km von Brüssel lohnen.
Auf einen Blick
- Ab Brüssel
- 85 km südwestlich — 60 Min. mit dem IC-Zug ab Brussels-Midi (€12–14 Rückfahrt) oder 70 Min. mit dem Auto (E19 Richtung Süden)
- Währung
- Euro (€)
- Nicht verpassen
- Cathédrale Notre-Dame de Tournai — UNESCO-Welterbe, freier Eintritt
- Touristendichte
- Sehr niedrig — die Kathedrale hat man oft fast für sich allein
- Markttag
- Der Samstagmorgenmarkt auf der Grand-Place ist sehr empfehlenswert
Warum kaum jemand nach Tournai fährt — und warum das Ihr Vorteil ist
Tournai (auf Niederländisch: Doornik) beansprucht den Titel der ältesten Stadt Belgiens — mit handfesten Belegen: Es war eine fränkische Königshauptstadt, noch bevor Paris von Bedeutung war, und es ist der Geburtsort von Chlodwig I., dem ersten König der Franken. Die Kathedrale der Stadt ist die architektonisch bedeutendste des Landes. Und an einem Sommersamstagmorgen kann man diese Kathedrale betreten und sie nahezu für sich allein haben.
Das ist das Angebot, das Tournai macht: außergewöhnliche mittelalterliche Architektur ohne die Touristeninfrastruktur, die vergleichbare Stätten in Brügge oder Gent umgibt. Keine Warteschlangen, keine Selfie-Sticks in organisierten Reisegruppen, kein Souvenirstau. Der Nachteil: Tournais touristische Angebote sind wirklich begrenzt — weniger Restaurants für Tagesbesucher, weniger englischsprachige Führer, weniger kuratiertes Erlebnis. Wer aber einen Guide namens „der ehrliche Brüssel-Planer” liest, weiß vermutlich, wie man damit umgeht.
Anreise
Mit dem Zug ist die empfohlene Option: IC-Züge von Brussels-Midi nach Tournai fahren mehrmals pro Stunde (manchmal mit Umstieg in Mons, je nach Fahrplan auch direkt — SNCB-Fahrplan prüfen). Fahrtzeit ca. 55–65 Minuten. Rückfahrkarte etwa €12–14. Der Bahnhof von Tournai liegt zehn Gehminuten von der Kathedrale entfernt.
Mit dem Auto: E19 Richtung Süden nach Mons, dann westlich auf der E42 nach Tournai. Etwa 70–80 Minuten. Parkplätze sind im Stadtzentrum vorhanden.
Für Tournai gibt es derzeit keine GetYourGuide-Touren — es ist ein Ziel für Individualreisende, was zu seinem Reiz gehört. Eine Führung ist hier nicht nötig; die Kathedrale erschließt sich von selbst, und die Stadt lässt sich ohne Begleitung erkunden.
Die Kathedrale
Die Cathédrale Notre-Dame de Tournai ist UNESCO-Welterbe und verdient diese Auszeichnung. Sie ist eines der bedeutendsten romanischen Bauwerke Nordwesteuropas, mit fünf markanten Türmen, die man von weitem sieht. Das Langhaus stammt aus dem 12. Jahrhundert, der gotische Chor aus dem 13. Jahrhundert — man kann den architektonischen Übergang mitten im Gebäude buchstäblich ablesen.
Der Eintritt ist frei. Die Schatzkammer kostet €4 und beherbergt mittelalterliche Reliquiare, Tapisserien und die Châsse de la Vierge (ein Reliquienschrein aus dem 12. Jahrhundert) — für alle mit Interesse an mittelalterlicher dekorativer Kunst den kleinen Betrag definitiv wert. Einplanen: 45–60 Minuten insgesamt.
Die Kathedrale wird periodisch restauriert — je nach Bauabschnitt können Teile eingerüstet sein. Wer auf eine bestimmte Ansicht Wert legt, sollte sich vorher informieren.
Der Belfried und die Altstadt
Der Belfried von Tournai (von der Kathedrale getrennt) ist einer der ältesten Belgiens, erbaut um 1188, und ebenfalls UNESCO-Welterbe. Gegen eine Gebühr (ca. €5) kann man ihn besteigen und den Blick über die Stadt genießen. Die darunter liegende Grand-Place ist ein echter Marktplatz — samstags füllt sie sich mit einem Lebensmittel- und Blumenmarkt, was die beste Zeit für einen Besuch in Tournai ist.
Die Gegend um rue des Chapeliers und rue Childéric rund um die Kathedrale beherbergt einige der ältesten Wohnbauten Belgiens — mittelalterliche Steinfassaden, Fachwerkhäuser. Zu Fuß erkunden, nicht mit dem Auto; der Maßstab ist menschlich.
Museen
Das Musée des Beaux-Arts (Museum der Schönen Künste), 1928 von Victor Horta entworfen, besitzt eine bedeutende Sammlung, darunter Werke von Rogier van der Weyden, der hier geboren wurde. Eintritt ca. €6. Lohnenswert für alle, die sich für flämische Primitiven oder Jugendstilarchitektur interessieren; für andere Besucher optional.
Das Musée d’Histoire et des Arts Décoratifs behandelt die Geschichte Tournais — ein solides Regionalmuseum, das jedoch nicht unbedingt notwendig ist, außer man möchte sich wirklich in die Tiefe einarbeiten.
Essen
Tournais Restaurantszene ist klein und lokal. La Taverne du Beffroi beim Belfried bietet verlässliche belgische Küche. Im Bereich der überdachten Markthalle (rue Royale) gibt es ein paar gute Brasseries. Am Samstag gibt es auf dem Grand-Place-Markt Streetfood-Stände mit lokalen Produkten.
Ehrliche wallonische Küche zu nicht-touristischen Preisen — das ist einer der Orte, an denen sich ein Tagesausflug auch kulinarisch lohnt.
Ehrliches Fazit
Tournai ist die Antwort auf die Frage: „Wo kann ich in Belgien außergewöhnliche mittelalterliche Architektur erleben, ohne das Brügge-Erlebnis?” Die Kathedrale allein rechtfertigt die Zugfahrt. Der Belfried, die Verbindung zu Van der Weyden und der Samstagmarkt machen daraus einen vollen halben Tag, der leise außergewöhnlich wirkt.
Zwei Einschränkungen: Die wirtschaftliche Geschichte der Stadt (sie wurde im Zweiten Weltkrieg stark bombardiert und wiederaufgebaut) bedeutet, dass manche Viertel wenig Charme haben, und die touristische Infrastruktur ist dünn genug, dass man ein gewisses Maß an Eigenständigkeit mitbringen sollte. Der Guide zu Tagesausflügen mit dem Zug ab Brüssel behandelt Tournai im Kontext der anderen einfachen Bahnverbindungen.
Wer Brügge zu poliert und Gent zu vertraut findet, dem bietet Tournai eine dritte Option, die die meisten Besucher nie in Betracht ziehen — und genau das macht sie so reizvoll.